Einfach konischer Napf, Bad Saarow, Landkreis Oder-Spree, 10.-9. Jh. v. Chr.


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Jungbronzezeitlicher Napf



Die meisten Tongefäße der Ur- und Frühgeschichte erschließen sich dem modernen Betrachter auf Anhieb. Töpfe, Tassen, Teller, Schalen und Becher sind zeitlose und funktionale Formen. Ein flaches, kleines bronzezeitliches Gefäß mit einem Henkel nennen wir heute "Tasse"; jeder Leser versteht, was gemeint ist und würde das Gefäß relativ sicher ähnlich benutzen, wie die ersten Besitzer.
Ein "Napf" ist ein Gefäß, das heute vermutlich von mehreren Menschen unterschiedlich definiert werden dürfte, der Begriff ist etwas aus der Mode geraten. Archäologen grenzen den Napf aufgrund seiner offenen Form vom Topf ab, bei dem Höhe und Mündungsdurchmesser etwa gleich sind, beim Napf dagegen die Mündung deutlich größer ist. Das links abgebildete Gefäß hat einen Mündungsdurchmesser von etwa 24 cm bei einer Höhe von 17-18 cm und ist damit ein Napf. Weil der Bodendurchmesser mit 12 cm deutlich kleiner ist und die Seitenwände recht gerade sind, wird die Form als einfach konisch bezeichnet.
Selbstverständlich gibt es nicht "die Archäologen" und daher auch keine einheitliche Terminologie. Wie bei allen Wissenschaften, die sich aus frühen Beobachtungen von Natur- und Kulturphänomenen entwickelten, war auch die Archäologie eine beschreibende Wissenschaft und die Beschreibung war subjektiv. Die oben verwendete Definition des Napfes stammt aus der Dissertation von J. Rücker (2007, S. 23, siehe Literatur), die sich wiederum auf D.-W. Buck bezieht.

Das Gefäß ist gut erhalten, nur wenige kleinere Scherben fehlen. Die Keramik ist auffallend rot, innen und außen glattgestrichen und lediglich 5mm dick. Sie ist nur mäßig hart gebrannt, an etlichen Stellen ist die recht feine Sandmagerung erkennbar. Der Napf ist natürlich handgefertigt, d.h. ohne Töpferscheibe. Die Mündung ist dementsprechend alles andere als rund, der Rand ist wellig, der Bandhenkel ist randständig und bildet seitlich zwei flache Höcker, die aber für Randzipfel zu unscheinbar sind. Plastische Verzierungen sind nicht vorhanden, über eine mögliche Bemalung kann nur spekuliert werden. Eine Makroaufnahme der Außenseite mit einem Farbstandard gibt es hier.
Unser konischer Napf ist kein kleines Gefäß; aus den genannten Maßen lässt sich ein Volumen von 4,6 Liter errechnen, das in der Realität aber etwas kleiner sein dürfte, weil die Wandung nicht exakt gerade ist, sondern der Rand leicht ausbiegt. Erstaunlicherweise findet sich im Internet zum Begriff "Napf" eine alte Volumenmaßeinheit. Nach Wikipedia wurde in Bayern und Österreich Getreide und Milch in Napf gemessen, im Zillertal waren 1 Napf Milch 3 Maß oder 4,2 Liter.
Der Napf ist nicht nur groß, sondern auch unpraktisch. Leer wiegt er derzeit 1,1 kg; wäre er mit Wasser gefüllt, läge sein Gewicht vermutlich bei etwas über 5 kg und er wäre nur mit zwei Händen zu handhaben. Leider ist nur ein Henkel vorhanden, durch den auch nur ein - eher dünner - Finger passt.
Was würde ein heutiger Mensch mit diesem Gefäß anfangen? Moderne Gefäße mit ähnlichem Aussehen dienen oft als Blumentöpfe, als Sektkühler oder - allgemeiner - irgendwie als Eimer. Für die Bronzezeit trifft wohl bestenfalls letztere Deutung zu; "irgendwie" ist aber leider ziemlich vage.
Der Napf stammt vom Fundplatz 2 in Bad Saarow am Scharmützelsee, einem Urnengräberfeld, das seit Anfang des 20. Jh. bekannt ist. Neben etlichen weitgehend zerstörten Gräbern aus denen beispielsweise eine Tasse stammt, von der es hier im M3DO ebenfalls ein 3D-Modell gibt, konnten einige wenige, besser erhaltene ausgegraben werden. Eines dieser Gräber hatte eine Fläche von etwa 60 x 60cm mit zwei Bereichen stark zerscherbter Keramik und dem fast vollständigen, aber mehrfach gesprungenem Napf, der mit der Mündung nach unten auf der Sohle der Grabgrube stand.
Bad Saarow gehörte im ersten und zweiten vorchristlichen Jahrtausend zum Kulturkreis der Lausitzer Kultur. Die Toten wurden verbrannt und in mehr oder weniger aufwendigen Urnen- oder Brandschüttungsgräbern bestattet; dieser Bestattungsritus war in der Jungbronzezeit in weiten Teilen Euorpas Praxis, im Süden in der Urnenfelderkultur, im Norden in der Nordischen Bronzezeit. Ihre Größe und Auffälligkeit machten die Urnenfelder der Lausitzer Kultur schon früh zum Untersuchungsobjekt, wenn auch im 15. Jh. noch nicht die richtigen Schlüsse gezogen wurden. So deutete der Chronist Jan Dlugosz die Keramik des Gräberfeldes Wagrowiec als von der Erde geboren und ohne menschliche Hilfe entstanden (nach M. Krzepkowski). Heute haben wir zwar ein allgemeines Verständnis zur Totenverbrennung und Bestattung des Leichenbrandes entwickelt, je genauer wir versuchen, die archäologischen Befunde zu interpretieren, desto mehr Fragen tun sich aber auch auf. Sind die oft beobachteten Stein- und Holzkistengräber evtl. Abbilder von Häusern? Gehören die vielen abgebrochenen Ränder der Urnen zum Grabritus oder handelt es sich um unbeabsichtigte Beschädigungen? Ist die immer wieder festgestellte, gezielte spätere Entnahme der Urne Grabraub oder Teil des Ritus, evtl. eines Ahnenkults? Und natürlich - warum werden Gefäße verkehrt herum ins Grab gestellt?

Die einfachste Bestattungsart in einem Lausitzer Grab ist, abgesehen von der simplen Brandschüttung, die Beisetzung in einer Urne, die abgedeckt wird; dies kann mit einem einfachen Stein geschehen oder mit einem zweiten Keramikgefäß, oft einer Schale. Diese wird über die Öffnung der Urne gestülpt und liegt damit mit der Mündung nach unten im Grab. Wenn noch weitere Gefäße beigegeben wurden, sind das meist Tassen und Kannen oder kleinere Kegelhalsgefäße, die von vielen Archäologen als Accessoires für Trankopfer oder Trinkriten verstanden werden. In gut erhaltenen Gräbern lässt sich beobachten, dass die Tassen zwar nicht umgekehrt auf dem Boden, aber doch mit der Mündung gegen die Urne gelehnt sind. Gefäße, die für bedeutungsgeladene Rituale benutzt wurden, müssen, so die gängige Interpretation, aus der Welt der Lebenden entfernt und daher mit ins Grab gegeben werden.
Wenn wir uns das Inventar unseres Grabes mit der Befundnummer 14 ansehen, können wir aus einer großen Scherbenanzahl doch immerhin 7 Gefäße rekonstruieren und wissen z.T. auch die Lage.
Merkwürdigerweise gab es keine Urne, lediglich einige - recht kleine - Leichenbrandkonzentrationen außerhalb der beiden Scherbenhaufen. Alle 7 Gefäße waren also Beigefäße - wir haben 3 kleine Gefäße, von denen zwei (Nr. 5 und 6) evtl. zum Trinken oder Opfern benutzt wurden, Gefäß Nr. 2 war ziemlich sicher die Abdeckung von Gefäß 3, dessen Position gesichert ist und das aufrecht stand. Ein Krug mit Trichterhals (Nr. 4) war sehr stark zerbrochen und hatte eine Position etwas außerhalb der vorderen Keramikkonzentration. Die Scherben von Gefäß 7, einem sehr großen Kegelhalsgefäß waren so im Randbereich des Scherbenhaufens angeordnet, dass ein sogenanntes Glockengrab möglich scheint, bei dem ein größeres Gefäß glockenförmig über die Grabkeramik gestülpt wurde. Unser Napf (Gefäß Nr. 1) wäre aber mit Sicherheit außerhalb der Grabglocke verortet, da der Randdurchmesser des möglichen Glockengefäßes zwar bei beachtlichen 37 cm liegt, für eine Aufnahme aller Gefäße aber zu klein ist.

Unser Napf stand also möglicherweise etwas isoliert umgekehrt auf dem Boden des Grabes. Bei der Bergung enthielt er nur Sand, der vermutlich durch die ersten entstandenen Risse in der Wandung eingespült wurde und dann ein Kollabieren des Gefäßes verhinderte. Der Sand wurde recht genau durchsucht; eine detaillierte Analyse beispielsweise auf botanische Reste o. ä. wird aber bei derartigen, nur mäßig gut erhaltenen Befunden, nicht durchgeführt.

Als Deutung bleiben letztendlich einige Möglichkeiten: Der Napf war leer und wurde umgekehrt ins Grab gestellt, entweder um etwas zu symbolisieren, zu dem uns der Zugang fehlt, oder aber um eine Podest zu haben, auf dem etwas Wichtiges stand, was wir nicht finden konnten. War der Napf gefüllt, dann mit etwas sehr vergänglichem, was zudem beim - hypothetischen - Begräbnisritual nicht sichtbar war. Denkbar wäre natürlich auch ein Inhalt, der weglaufen konnte und wollte, und daher eingesperrt werden musste. Andererseits hätten sich dann doch Reste erhalten müssen, es sein denn, der Inhalt war mäuseähnlich und konnte sich rausgraben ....
Es gibt natürlich auch noch eine Möglichkeit, mit der wir zum Trankopfer zurückkehren. Entweder wurde der Napf gemeinschaftlich geleert oder diente als Schankgefäß, aus dem die Tassen oder Schälchen gefüllt wurden. In beiden Fällen wäre er möglicherweise, nachdem der Ritus vollzogen worden war, mit ins Grab gegeben worden. Und vielleicht, damit beim Verfüllen des Grabes keine Erde den Innenraum entweiht, wurde er umgekehrt abgestellt.

Ein Text mit sehr vielen Konjunktiven und Vermutungen; das ist leider in der Archäologe so. Sogar die Interpretation kleinerer Gefäße als Utensilien für Trankopfer, die heute doch als recht abgesichert gilt, ist tückisch, der jeweilige Kontext ist zu beachten. Bei Ausgrabungen auf neuzeitlichen Friedhöfen beispielsweise finden sich oft Grabbeigaben, darunter auch Schalen o.ä. Es handelt sich meist um die Gefäße der Totenwaschung, die ebenfalls symbolisch aufgeladen sind. Dies allerdings negativ; das Geschirr muss aus der Welt der Lebenden verschwinden, um Unheil abzuwenden.

Quellen:

o Krzepkowski M., 2013, Cemetery dating back more than 2500 years studied near Wagrowiec: zum online-Dokument
o Rücker Julia, 2007, Das spätbronze- und früheisenzeitliche Gräberfeld von Eisenhüttenstadt: zum online-Dokument
o Wikipedia zum Napf
o Wikipedia zur Lausitzer Kultur.
o zum neuzeitlichen Totenbrauchtum: Kenzler H., 2009, Zum Wandel des Totenbrauchtums in Mittelalter und Neuzeit. Der Friedhof von Breunsdorf, Lkr. Leipziger Land, in seinem weiteren Kontext

Text, Fotos und 3D-Modell von Uli Bauer

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