Schädel aus einem irregulären Grab, Lübben, Landkreis Dahme-Spreewald, 1400 - 1700 n. Chr.


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Ein irreguläres Grab der Frühen Neuzeit



Gräber sind in unserer Kultur spätestens ab dem Hochmittelalter bzw. der Durchsetzung des Christentums recht genau definiert. Bestattet wurde an den Kirchen, die wie die Gräber in West-Ost-Orientierung angelegt waren. Der Kopf - bzw. Turm - hatte im Westen zu liegen, der Körper auf dem Rücken. Beigaben waren nicht erlaubt, allenfalls in der Frage `mit Sarg oder ohne` gab es unter den Christen Meinungsunterschiede - bis sich der Sarg durchsetzte.
Umso erstaunlicher sind immer wieder Skelette, die weit entfernt von Kirch- oder Friedhöfen oft im Straßenbereich von Städten oder Dörfern entdeckt werden und sicher nicht älter als der Ort sind, also nicht aus der Slawenzeit oder der Völkerwanderungszeit stammen.
Das Grab aus dem der Schädel links kommt, wurde bei Straßenbauarbeiten in Lübben, einer kleinen Stadt im Spreewald bzw. Südosten Brandenburgs gefunden. Beim Ausbaggern eines Grabens für die künftige Regenentwässerung der Straße, fiel eine recht schmale Grube in der nördlichen Profilwand auf, die noch ca. 70 cm in der Graben reichte. Nur wenige Zentimeter unter der Grabensohle kamen Knochen zum Vorschein, die eindeutig zu einem menschlichen Unterschenkel gehörten (Abbildung 1). Der Bereich wurde dokumentiert, die Knochen geborgen und dann, nach dem die Leitung verlegt war, der nördliche Teil des Grabes freigelegt (Abbildung 2).
Die Maße der Grabgrube sind mit ca. 35cm in der Breite und 1,90m Länge ungewöhnlich langschmal; sie ist ziemlich genau Nord-Süd orientiert und etwa 1,7m tief. Das Skelett liegt im Prinzip in gestreckter Rückenlage, aber leicht verdreht auf der rechten Seite, wodurch das Becken recht schief und der linke Unterschenkel auf dem rechten zu liegen kommt. Die rechte Schulter befindet sich unter dem Schädel, die linke Hand auf dem rechten Ellbogen. Der Schädel stößt an die nördliche Grubengrenze und ist nach vorne gedrückt. Zwischen den Fußknochen und dem Grabende liegen etwa 30cm freier Raum. Die ganze Situation sieht so aus, als hätte am Fußende eine Person gestanden, die den toten Körper in die schmale Grube zwängte; aufgrund der Enge, musste etwas gekippt und gepresst werden. Mit ziemlicher Sicherheit wurde der Leichnam ohne Sarg bestattet; es fanden sich keinerlei Holzspuren und die Grube dürfte zu eng gewesen sein.
Leider lagen keine Gegenstände in der Grabgrube, die uns den genauen Zeitpunkt der Bestattung oder gar Informationen zum Toten liefern würden. Allerdings wurden aus der Verfüllung etwas über hundert, meist sehr kleine Keramikscherben ausgesiebt, die uns einen Anhaltspunkt geben können. Diese Scherben stammen ursprünglich von der Oberfläche zur Zeit der Beerdigung und gelangten beim Schließen des Grabes z.T. bis auf die Grabsohle. Der größere Teil der Keramik (Abbildung 3) ist hartgebrannte, graue Irdenware des Spätmittelalters, daneben kommt unglasierte helle Irdenware und Faststeinzeug sowie etwas an der Innenseite glasierte Keramik vor. Diese Keramik dürfte aus dem 15. bis evtl. 17. Jh. stammen, Scherben jüngerer Keramik fehlen dagegen völlig.
Weitere Informationen liefert eine anthropologischen Untersuchung, die aus dem Skelett langsam eine Person entstehen läßt. Die Tote, denn es handelt sich um eine Frau, war ca. 25-30 Jahre alt und zwischen 151 und 158 cm groß. Die Todesursache war am Skelett nicht abzulesen, erkennbar sind aber ein etwa 6mm großes, gut verheiltes Schädeltrauma im linken Schläfenbereich (Abbildung 4), eine mögliche Verletzung am 1. Lendenwirbel und eine verheilte Rippenfraktur. Vermutlich litt die Frau unter einer Eisenmangelerkrankung, unter fortgeschrittener Wirbelbogengelenksarthrose und im Mund unter Karies, Parodontose und einer Entzündung der Mundschleimhaut. Vier Backenzähne sind ausgefallen oder nur in Resten vorhanden, die Weisheitszähne sind ebenfalls stark kariös. Verschiedene Anzeichen deuten auf schwere körperliche Arbeit hin. Ansonsten zeigt das Skelett noch kleinere Besonderheiten wie die geteilten Wirbelbögen, zusätzliche Schädelnähte und die kleinen Spalten an der Oberkante der Augenhöhlen; Marker, die vererbt werden und für Verwandtschaftsanalysen nutzbar wären.

Was wissen wir über Lübben im Spätmittelalter und der beginnenden Neuzeit? Die Stadt war durch eine Stadtmauer und zusätzlich durch Spree und Wassergräben gut geschützt. Das Grab lag außerhalb der Stadt in der heutigen Luckauer Vorstadt, die im 16. Jh. bereits mit einigen Häusern bebaut war. Die "Hauptstraße" der damaligen Zeit führte aus der Stadt durch ein Stadttor und über zwei Spreearme nach Westen auf das seit dem 14. Jh. bestehende Hospital zu. Das Grab liegt etwa 100m südöstlich des Hospitals, das eine Kapelle und einen Friedhof besaß.
Die Situation Mitteleuropas im fraglichen Zeitraum würden wir heute als dauerhafte Krisensituation bezeichnen. Religionskriege, Hungeraufstände, das Ringen um gesellschaftliche Teilhabe, von der der Großteil der Bevölkerung ausgeschlossen war, sexuelle Unterdrückung und Kinderversklavung waren Normalität. Hussitenkriege, Bauernkriege, Dreißigjähriger Krieg und Pest - diese Schlagworte stehen synonym für eine permanante Bedrohung des Individuums durch Ausbeutung, Verletzung und Tod. In der Geschichtsschreibung findet die Normalität des Alltags - sei sie auch noch so schrecklich - kaum Erwähnung. Aber immerhin wissen wir, dass die Lausitz allgemein 1429 und 1432-34 und Lübben speziell 1448, 1462 und 1618-48 Schauplatz gewalttätiger Ereignisse bzw. politischer Umbrüche war. Dass in solchen Zeiten nicht nur geregelt, also nach den bestehenden Normen bestattet wird, können wir an jedem beliebigen Krisenherd auch heute noch sehen.
Aber auch jenseits militärischer Gewalt gab es Gründe für irreguläre Begräbnisse. Suizid etwa, ansteckende Krankheit, ein Verbrechen oder evtl. auch einfach die Witterung.

Lässt sich aus all dem eine Deutung für das Begräbnis in der Luckauer Vorstadt finden? Auffällig ist in jedem Fall die Tiefe, die gegen das Vertuschen eines Verbrechens spricht - hier hätte eine wesentlich geringere Tiefe genügt, der Vorgang wäre viel schneller beendet gewesen. Die Nord-Süd-Orientierung ist ebenfalls bemerkenswert - entweder wurde das Grab von jemandem Ortsfremden angelegt, der bei evtl. schlechtem Wetter die Ost-Westrichtung nicht festellen konnte - oder Nord-Süd war beabsichtigt, etwa als symbolischen Ausschluss aus der christlichen Gemeinschaft. Hierfür würde auch die ungeweihte Erde sprechen.

Menschliche Skelette sind keine unproblematischen Museumsexponate; und dies mag auch für ein virtuelles Museum gelten. Die historische Entwicklung der Museumsidee ist verknüpft mit aufklärerischen Idealen und dem europäischem Kolonialismus und entwickelte sich im Kontext von europäischer Kultur und Religion. Und genau im religiösen Brauchtum liegt die Ursache für einen erstaunlich unbekümmerten Umgang mit Skeletten, Leichen, Leichenteilen und Mumien; Grund ist die Reliquienverehrung des Katholizismus, die im Hoch- und Spätmittelalter nahezu groteske Züge annahm. Andere Kulturen sehen das anders. Entweder verbietet die Ehrfurcht vor den Ahnen ein Ausstellen der Gebeine oder aber gebietet einen speziellen rituellen Umgang. In europäischen Museen wird dies nicht realisiert, mit der Konsequenz der immer lauter werdenen Rückforderungen von Skalps, Schädeln, Skeletten oder sonstigen symbolisch aufgeladenen Gegenständen. Rückgaben erfolgen auch heute noch nicht automatisch, eine Diskussion aber bricht sich langsam Bahn, mittlerweile gibt es Richtlinien für Museen, die einen korrekten Umgang regeln sollen.
Unser Schädel, zusammen mit den restlichen Knochen des Skelettes, wird, wie alle Funde, die aus Ausgrabungen oder Baubegleitungen stammen, unter einer Sachkatalognummer in einem grauen Normkarton im Depot des Brandenburgischen Landesamtes für Denkmalpflege verwahrt.


Quelle:
Barbara Teßmann, 2014, Anthropologische Bestimmung für das Skelett Bef. 50 aus der Lindenstraße in Lübben, Luckauer Vorstadt


Text, Fotos und 3D-Modell von Uli Bauer

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