Jungbronzezeitliche Tasse, Bad Saarow, Kreis Oder-Spree, 1000 - 700 v. Chr.


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Tasse aus einem Brandgrab der Jungbronzezeit



Tassen sind typische Gefäße der Bronzezeit. Meist sind sie aus Ton gefertigt, einige aus Bronze- oder sogar aus Goldblech. Vermutlich waren die meisten aus Holz, sind aber nicht mehr erhalten. Sie werden als Beigefäße in Gräberfeldern und, meist stark zerscherbt in Siedlungen gefunden, die Metallexemplare stammen oft aus Hortfunden. In einem Brunnen der Siedlung von Berlin-Lichterfelde lagen dicht gepackt nahezu 100 Tassen. Funde wie diese rücken die bronzezeitlichen Tassen aus dem Bereich des Profanen in den der spirituellen Handlung.
Die Tasse links stammt von einem Urnengräberfeld aus Bad Saarow im brandenburgischen Landkreis Oder-Spree. Sie wurde im Winter 2014 auf einem kleinen Teilstück des Gräberfeldes mit ca. 40 Gräbern gefunden. Das Grab war nur noch als kleiner Grubenrest mit wenigen Bodenscherben der Urne, Randscherben einer Schale, etwas Leichenbrand und der halben Tasse erhalten; der Rest der Tasse war nicht mehr auffindbar.
Das Gefäß ist 6,3 cm hoch und hatte einen Mündungsdurchmesser von etwa 8,8 cm. Der Henkel ist "randständig", d.h. er schließt oben in etwa mit dem Rand ab. Der Ton ist rötlichbraun mit etlichen Flecken, die Oberfläche geglättet. Das 3D-Modell (links) ist mit einer "textur" dargestellt, d.h. das Gittermodel ist mit vielen Ausschnitten der Originalfotos überzogen. Werden diese ausgeblendet wie in den Bildern unten, treten zwei charakteristische und ein eher seltenes Merkmal der jungbronzezeitlichen Keramik hervor. Charakteristisch und im Bild gut zu sehen ist die typische Bodendelle - ein Omphalosboden - und auf der Schulter weiche Schrägriefen, sogenannte Kanneluren. Seltener ist der Henkel, der nicht als einfacher Bandhenkel getöpfert, sondern in der Mitte mit einer Kante, einer Facette profiliert wurde.



Aufgrund des leicht trichterförmig nach außen orientierten Halses gehört das Gefäß zur Gruppe der Trichterhalstassen, einer Formengruppe, die von der Mittelbronzezeit bis in die Eisenzeit vorkommt. Durch die Kannelurenverzierung läßt sich die Tasse etwas genauer in den Übergang von Jung- zu Jüngstbronzezeit oder etwa den Zeitraum von 1000-700 v. Chr. datieren. Ein größeres Fragment einer Schale - vermutlich die Deckschale der Urne - zeigt die typischen Randzipfel der Jüngstbronzezeit und stützt die zeitliche Einordnung von Tasse und Befund.

Wie oben bereits erwähnt, treten Tassen und Schalen in allen Fundzusammenhängen auf und sind besonders in Gräbern Standard. Wir wissen nicht, ob sie für die Toten als Beigabe ins Grab gelegt wurden, oder von den Lebenden eher entsorgt wurden - etwa nach der Nutzung als Opfer- oder Trinkgefäß, etwa nach einem Umtrunk. Aber da wir - zwar nicht aus der mitteleuropäischen, aber immerhin aus der südosteuropäischen Jungbronzezeit - Schrift- und Bildquellen zur rituellen Nutzung von Tasse oder Schale haben, bietet sich auch für unsere Gräber das Trankopfer als Deutungsmöglichkeit an.

Die Nutzung von Schrift und Bildquellen aus dem vorderasiatischen und südosteuropäischen Raum ist verlockend. Erstmal können wir archäologische Befunde Mitteleuropas mit derartigen Quellen abgleichen - z.T. mit erstaunlichen Resultaten. So korrespondieren einige vermutete Brandopferplätze der Alpen durchaus mit Opferplätzen Griechenlands und auch mit zeitgenössischen Schriftquellen, nicht zuletzt der Bibel (3. Buch Mose), in der dezidiert Brandopfervorschriften niedergeschrieben wurden.

Aber auch solche Quellen sind oft interpretationsbedürftig. Sosehr Trankopfer auch Bestandteil des Lebens in der griechischen Klassik und Mythologie waren; die Darstellungen sind oft nicht eindeutig. Beim oft beschriebenen oder bildlich dargestellten Vorgang hält der Opfernde eine Tasse, Schale o.ä., die oft von einer zweiten Person aus einer Kanne gefüllt wird. Dann vergießt der Opfernde den Inhalt auf den Boden oder einen Altar. Geopfert wurden Wasser, Wein, Milch, Honig oder Öl. Auf der weißen Kylix im Bild ist Gott Appollon beim Vergießen einer Flüssigkeit dargestellt, was u.a. als Trankofer an sich selbst interpretiert wird. Eine Alternativdeutung wäre das vergießen von Wasser, um es dem Raben vorzuenthalten, der den Gott betrügen wollte und mit ewigem Durst bestraft wurde.

Die Tassen in unseren mitteleuropäischen Befunden dürfen sicher nicht immer gleich interpretiert werden - zu unterschiedlich sind die Gegebenheiten. Tassen aus Bronzeblech in einem größeren Metalldepot können einfacher Bestandteil der "Gabe an die Götter" sein, wie es etliche Archäologen formulieren. Die sechs Tassen, die ohne weitere Gegenstände in einer leeren Getreidespeichergrube bei Vlaha in Rumänien gefunden worden, werden sicher zurecht als typische Reste eines Trankopfers gedeutet. Die nahezu hundert Tassen, Schälchen und Kannen aus dem Brunnen von Berlin-Lichterfelde enthielten überwiegend Reste von Weiden- und Birkenkätzchen, Lindenblüten, Getreide, Melde und Gewürzpflanzen, und wären damit eher als Behältnis für eine andere Art von Opfer zu sehen. Der Brunnen war zum Zeitpunkt der Niederlegung bereits ausgetrocknet gewesen und wurde danach verschlossen. Einige darüber deponierte Gefäße zeigen spätere Besuche an. Interpretiert wird der Vorgang als Kulthandlung im Zusammenhang mit einer Trockenphase und der Aufgabe der umliegenden Siedlung.



Zur Lausitzer Kultur gibt es links zu wikipedia und Archäologie online

Literatur
Beilke-Voigt, 2007, Das "Opfer" im archäologischen Befund
Golgaltan et.al., 2010, Eine rituelle Grube bei Vlaha, in: Bronze Age Rites and Rituals in the Karpathian Bassin
Kuckenburg, 2007, Kultstätten und Opferplätze in Deutschland


Text, Fotos und 3D-Modell von Uli Bauer

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